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Soziales Anmaßen

 

 

Es mutet wie ein Freifahrtschein an. Jeder darf schreiben, wonach ihm zumute ist, seine sogenannten Freunde bloßstellen, wie es ihm beliebt, sich politisch ungehalten äußern. Die Flut an Worten von vermeintlichen Besserwissern, von unzähligen Coaches, die uns sagen, wie wir unser Leben am besten zu gestalten haben. Abnehmen ohne Verzicht, Vermittlung von Hunden aus dem Ausland, Verfassen des eigenen Buches in zehn Stunden, Messen für Best Agers, effektive Wege zur Umstellung des eigenen Lebensstils, neuer Look fürs Zuhause, die wirksamsten Methoden, um den Partner zurückzugewinnen, leckere Rezepte in 15 Minuten, Klimawandel, Nahrungsergänzungsmittel, Fitness, Fitness, Fitness. Die Liste der Themen ist unerschöpflich. Wir lassen uns wie unmündige Fische im Netz fangen. Sobald wir den Entertainment-Köder hingeworfen bekommen, beißen wir an, meist ohne zuvor großartig die Gedankenkiste anzuwerfen. Perfekte Seduktion. Perfekte Opferhaltung. Ein Like kostet ja erstmal nichts. Ein neuer Freund auch nicht.

 

Diese schier nicht enden wollende Flut an gut gemeinten Informationen von Facebook & Co. und den gematchten Freunden geht ohne Umschweife in unser Unterbewusstsein und gaukelt uns vor, dass die angebotenen Lösungen unserem Seelenwohl dienen. Welch Farce! Geht es doch häufig darum, entweder mehr Follower zu generieren oder sein Business zu vermarkten. Wo bleibt dabei der Blick auf die Ethik? Wollen wir ungefragt Vorschläge bekommen, die uns auf das nächste Level heben? Unabhängig davon: Woher will der Anbieter wissen, auf welchem Level ich mich befinde und wohin ich überhaupt will? Sind die Level bereits EU-genormt? Wollen wir Botschaften von Paaren lesen müssen, die sich öffentlich ihre einzigartige Liebe bekunden? Wollen wir das wirklich? Wollen wir die persönlichen Errungenschaften des Einzelnen präsentiert bekommen? Den neuen Wagen. Den Blumenstrauß am Valentinstag. Das Zertifikat einer bestandenen Prüfung. Den beeindruckenden Vortrag auf der letzten Konferenz. Ein Bild mit einem Prominenten. Was treibt uns an, dass wir uns derart zur Schau stellen? Ist womöglich unser Ego zu schwach? Leiden wir inzwischen durch die sozialen Medien an einer Art der Profilneurose? Wir gehen viel zu stark mit unseren Emotionen nach außen, teilen uns zu sehr mit, anstatt den Weg nach innen zu suchen und uns in Mitgefühl und Liebe zu üben.

 

Wäre es nicht angenehmer und konstruktiver, in den sozialen Kanälen würde- und wertebewusste Impulse zu erhalten, durch die man einen konstruktiven Beitrag zum Gemeinwohl leisten kann, anstatt suggeriert zu bekommen, man hätte Defizite im Privatleben, Defizite im Berufsleben, Defizite bei der Erziehung der Kinder. Aktiv mit dem zu spielen, was den Mitgliedern der Community fehlen mag, kann unter Umständen einer egoistischen Anmaßung gleichkommen. Welch Zufriedenheit würde es jedem von uns geben, durch das Gute, Wahre und Schöne inspiriert zu werden. Worte des Dankes und der Wertschätzung übermittelt zu bekommen, die eine gewisse Nachhaltigkeit bewirken, anstatt mitansehen und ein Stück weit billigen zu müssen, wie toll wir alle sind. 

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