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Nathan

November 25, 2018

 

Auf dem Weg zur Tanzfläche ging ich direkt auf ihn zu. Er hatte diese offene und neugierige Haltung. Ich blieb vor ihm stehen. Kannte ihn nicht. Sein durchdringender und zugleich draufgängerischer Blick faszinierte mich von der ersten Begegnung an. Der Song, zu dem ich ursprünglich tanzen wollte, trat in den Hintergrund und Nathan ab diesem Moment in den Vordergrund meines Lebens. Dessen war ich mir jedoch zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst.


Als ich mich um 02:30 Uhr von ihm verabschiedete, war klar, dass wir uns wiedersehen würden. Sehr bald sogar. Zwei Tage später klingelte ich bei ihm. Mein Vorschlag, spazieren zu gehen und dabei etwas über die Gedanken und Gefühle des Anderen zu erfahren, konnte ihn nur zum Teil überzeugen. Er hatte eine andere Idee, wollte Intimität auf direktem Wege. Das war zumindest sein Plan. Und meiner initial auch. Ich äußerte mich nur nicht dazu, behielt die Begierde ihm gegenüber für mich …

 

Seine Geschichten hatten etwas Außergewöhnliches, etwas Besonderes, etwas Abgefahrenes. Er führte definitiv kein Leben von der Stange. Es war designed à la Nathan! Einfach speziell … so wie der Ausdruck in seinen Augen. Wach und voll Lebensfreude. Je mehr ich von ihm erfuhr, desto mehr faszinierte er mich. Die mentale Verbindung schien mit jeder Story zu wachsen, das Verlangen, ihn zu berühren, stieg mehr als proportional dazu an. An jenem Abend sollte es jedoch nicht soweit kommen. Der verbale Austausch war intensiv, die körperliche Lust jedoch auf einen Folgetag verschoben.


Was war es nur, das mich derart an ihm faszinierte? Mich in seinen Bann zog und nicht mehr losließ! Gedanklich und körperlich an ihn band. Er war anders. Anders als alle anderen. Empfand das nur ich so oder war dies seine grundsätzliche Wirkung auf Frauen? Ohne entsprechender freigeistiger Disposition auf Seite der Frau war ein Genießen seiner Person nicht möglich. Er ist eine Verschwendung für jene Frauen, die seine Ausstrahlung und sein Tun nicht schätzten, ihn reduzierten auf das, was er hat bzw. nicht hat. Ich hingegen brachte die bedingungslose Wertschätzung und Zuneigung ihm gegenüber mit. Ohne Bewertung seiner Worte und seines Tuns.

 

Ich wollte ihn sehen. Ihn spüren. Ihn riechen. Ihn erleben. Jede Begegnung war ein körperlicher Hochgenuss und ich wünschte mir jedes Mal, dass es niemals enden würde. Spürte ich seine Haut, befanden sich mein Körper und mein Geist im sensorischen Nirwana. Zu Beginn hatte ich den Eindruck, dass er das auch alles wollte. Im Laufe der Zeit jedoch distanzierte er sich mehr und mehr von mir und ich war gezwungen, seine mir gegenüber nicht geäußerte Entscheidung zu akzeptieren, wollte ich ihn nicht gänzlich verlieren. Wäre ich ehrlich zu mir selbst gewesen, hätte ich den Kontakt ziemlich schnell abbrechen sollen. Er hatte mich ganz einfach im Off geparkt. Wie ein altes Spielzeug, das man nicht mehr brauchte. Unsere einst so wundervollen gemeinsamen Abende wurden weniger, bis sie schließlich nur noch von mir iniziiert wurden und die Einseitigkeit nach einem emotionalen Cut schrie. Aber irgendwie kam ich nicht von ihm los. Meine Ratio war letztendlich zu schwach und hatte gegen meine Emotionen auch aufgegeben. Ich hatte begonnen, ihn zu lieben, die Intimität hatte mich von ihm abhängig gemacht. Eine Abhängigkeit, die ich nur zu gern akzeptierte und die nach mehr verlangte.

 

War ich bei ihm, blendete ich alles aus. Die Welt um mich herum blieb stehen, ich gab mich dem puren Sein hin, obwohl ich spürte, dass ich bald ein Auslaufmodell würde. Zu gerne wollte ich noch all das aufsaugen, was er mir gab, was er mir erlaubte und zugestand. Die Leidenschaft mit ihm für immer konservieren. Meine einstige Hochstimmung wich der Angst, der Angst, ihn zu verlieren. Ihn an eine andere Frau abgeben zu müssen, die ihm mehr Kick und Erfüllung gab als ich das konnte. Diese Vorstellung zerriss mein Herz. Meine Tage waren ein Auf und Ab, ich litt derart unter der Situation, dass ich letztendlich für mich beschloss, ihn vergessen zu müssen. Nur wie? Wie kann man Gefühle dazu zwingen, jemanden zu vergessen, das Gefühl auszulöschen, das er in einem auslöste? 
Dabei wollte ich doch nur etwas verbindliche Zeit mit ihm verbringen. Die Sicherheit haben, ihn einen Abend pro Woche sehen und spüren zu können. Ohne Anspruch auf Mehr. Ich wollte doch nicht die Frau an seiner Seite sein, die ihn permanent begleitet und die Zeit mit seinen Freunden verbringt. Das erlaubten mein Alltag und mein Lebensrhythmus doch gar nicht. Lediglich die beständige Leichtigkeit des Seins spüren. Wiederholt. Ohne Ende. Ihn anzusehen, wenn er lachte. Das Gefühl zu haben, dass er mich auch wollte. Meinen Geist, meinen Körper. 


Ich war zum allerletzten Glied in seiner Liste geworden. Ich kam nach allen anderen Personen, die es in seinem Umfeld gab. Selbst eine Reinigungsdame im Discounter bekam mehr Aufmerksamkeit als ich. Jede streunende Katze nahm er intensiver wahr als mich. Niemals mehr meldete er sich bei mir, gar wollte er mich sehen. Kein Kontakt, kein Spaß. Nur Leere. Leere im Schreiben und im Fühlen. Er war einfach verschwunden aus meinem Leben. Ohne Ankündigung. Im Nachgang musste ich erkennen, dass er mich lediglich für sehr kurzzeitigen Spaß in seinem Leben einsetzte und ich diejenige Person war, an die er nur dann dachte, wenn er Geld brauchte. Ich war zu dem geworden, was ich niemals wollte: ein Ersatz für seine Vergangenheit. Jedoch ein Ersatz, der keinerlei Ansprüche an ihn haben durfte. Der nur dann zu Wort kam, wenn er es wollte und brauchte. Unabhängig von meinen Bedürfnissen. Ich war ein Gebrauchsgegenstand schlechtester Güte. Ein ausrangiertes altes Spielzeug. 


Letztendlich vermittelte mir das Warten ein Gefühl der Wertlosigkeit. Stets abhängig zu sein von der Bereitschaft von ihm, von seiner Willkür. Wann wollte er mich treffen? Wollte er es überhaupt noch? Wenn ja, für welchen Zeitraum? Wieder nur 1,5-2 Stunden am späten Abend? Oder versetzte er mich aufs Neue? Ich konnte und wollte damit nicht mehr umgehen. Wollte kein Spielball mehr sein für ihn. Er war der Bestimmer jeglicher Aktion. Er ging keine Kompromisse ein. Entweder man machte sein Spiel mit, oder man hatte verloren. Ein Miteinander gab es nicht. 


Das Leben besteht doch aus Phasen, ist weit von einem durchgängigen Text entfernt. Wieso nur sollte diese Phase – unsere Phase - so bald enden? Ich hatte keine Antwort darauf … Mein Geist war verzweifelt, mein Herz gebrochen, mein Alltag eine Qual … Ich hatte mir etwas vorgemacht, ihn auf ein Podest gestellt, das es gar nicht gab. Jetzt sollte ich die Retourkutsche erhalten für meinen emotionalen Trieb, für mein völlig unüberlegtes Handeln, für meine kopflose Dummheit ...

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