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Der One-Night-Stand

 

Der One-Night-Stand (ONS) ist der gepflegte, zeitlich befristete Umgang mit körperlichem Verlangen. Ohne gesetzlicher Regelung. Dieses in der Regel einmalige Gastspiel mit dem Gegenüber stellt eine körperliche Verbindung zweier Menschen mit emotionalem, räumlichem und zeitlichem Limit dar. Parameter, die im Kopf der Beteiligten gleichzeitig auch keine Hürde bei der Durchführung vermitteln. Freiheit, Unabhängigkeit. Ohne Konsequenzen. No impact. Dieser einem Schauspiel ähnliche Akt der sexuellen Begierde ist in der Gesellschaft extrem eng mit Wertung und Bewertung verbunden und daher auch bis heute stark verpönt. Ausserdem wird diese Aktion - sofern sie dann in den Köpfen der Gesellschaft überhaupt nur annähernd akzeptiert wird - ausschließlich der Jugend bzw. den jungen Erwachsenen zugesprochen. Jenseits der 25 hat diese Erscheinung überhaupt keinen Platz mehr. Zumindest mental. Formalisiert. 

 

Sex ohne Frühstück. Reduziert auf ein Minimum. Alter, Herkunft, Status und Intellekt spielen keine Rolle. Lediglich die chemische Verbindung zweier Körper. Keine Ratio, nur Begierde. Spaß ohne Verpflichtung. Alltagsdekoration, die in der Regel nach kurzer Zeit des Zusammenseins zum Vorschein kommt, existiert nicht.

 

War die persönlich empfundene Qualität des sexuellen Zusammenspiels eher moderat, dann ist ein potentieller Wiederholvorgang ausgeschlossen. Zudem ist oftmals eine geographische Komponente entscheidend. Wohnen die beiden Protagonisten zu weit entfernt, bleibt ein erneutes Treffen dann aus. Bei engerer lokaler Verbindung ist ein Repetitio durchaus denkbar. Jedoch immer unter der Prämisse des andauernden emotionalen Ausbleibens des Verliebtseins. Wertschätzung und Respekt finden hier Anwendung, beide Werte resultieren aus der kurz zusammen verbrachten Zeit und lassen dem Antonym Respektlosigkeit und Missachtung keinen Raum. 

 

Ein One-Night-Stand lässt Mann Mann und Frau Frau sein. Persönliche Aspekte fallen weg, die Attraktivität des zeitlich begrenzten Partners rührt einzig aus der fleischlichen Verbundenheit her. Deshalb findet der ONS oftmals zwischen Partnern aus Ehen oder festen Beziehungen statt, er ist eine willkommene Abwechslung zum spröden Alltag und lässt einen in eine Welle des Spasses und des Vergnügens eintauchen. Beziehungsprobleme finden hier nicht statt. Der weibliche Teil ist in diesem Zeitraum nicht Partnerin, nicht Mutter, nicht Hausfrau, sondern reduziert auf die evolutionäre Daseinsberechtigung der Fortpflanzung. Beim männlichen Part verhält es sich analog, er lebt seine Männlichkeit aus, trägt jedoch - wie die Frau - keinerlei Verantwortung für Partnerin, Kinder oder gar Versorgung derselben. Reduktion auf Sein. Beamen im Orbit.

 

Letztendlich liegt dem One-Night-Stand etwas grundsätzlich Mysteriöses zugrunde. Beide Partner werden mit diesem sexuellen Zusammenspiel nicht an die Öffentlichkeit gehen. Es wird quasi niemand aktiv darüber informiert, also bleibt es eine für zwei Personen exklusiv reservierte Information. Diesem Kriterium wohnt etwas durchaus Anziehendes inne. Der Kick ohne Erklärung und Rechtfertigung. 

 

Der One-Night-Stand ist die Verbindung zweier Menschen ohne weiteren social constraint. Sonntag nachmittägliche Familien- und Verwandtschaftsverpflichtungen, Elternabende der schulpflichtigen Kinder fallen weg, die schnöde wiederkehrende Routine ungeliebter Abläufe erübrigt sich. Keine Diskussionen, keine Empfindlichkeiten. Hier zählt die Leichtigkeit des Seins. (Un)bewusste Flucht aus der grauen Realität des Amusements Willen in eine bunte ephemere Welt der Begierde. Träumen erlaubt. 

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