© 2019 by IDEA2TEXT

Daten auf schnelle und unverblümte Art - ein halbes Jahr auf Tinder

 

 

Swipe. Match. Chat. Date. Das war in den letzten Monaten zu meiner Lieblingsbeschäftigung geworden. Unaufhörlich prüfte ich meine Matches. Ich war besessen davon. Die Jagd nach dem one and only-Match, nach dem ultimativ passenden Gegenstück. Wann immer mein iPhone diesen vertrauten Ton eines neu errungenen Matches oder einer neuen Nachricht meiner Tinderellos abspielte, konnte ich nicht umhin, sofort zu prüfen, was mein Account offenbarte.

 

Zu Beginn meines neuen virtuellen Datinglebens war ich völlig begeistert. Meine Freude über jeden neuen Match war ungebremst. Ich glaubte an eine virtuelle Aufrichtigkeit, die dann in eine wertebehaftete Beziehung münden würde. Ein sehr naiver Ansatz meinerseits, wie sich im Laufe der Zeit herausstellen sollte.

 

Ich wollte es also wissen. Was hielt dieses Portal für mich bereit? Völlig offen ging ich in die Chats, jederzeit bereit zur Kommunikation. Voraussetzung dafür waren diese wenigen Sekunden, die den potentiellen Match überhaupt erst möglich machten. Foto sehen, einschätzen, nach links oder rechts wischen. Fertig. Wischte man nach rechts, hatte man zumindest die Chance, einen Match zu erhalten, sofern das Gegenüber Selbiges tat. Die Wischbewegung nach links war ein Knockout, Mann versenkt im Nirwana. Keine strategischen Elemente, sondern ein Spiel mit einfachen Mitteln. Im Moment des erscheinenden Bildes die Entscheidung zu treffen über Sein oder nicht Sein. Ein krasses Unterfangen mit vermeintlich bedeutsamen Konsequenzen. Anfänglich dauerte die Entscheidung für links oder rechts noch etwas länger. Man wollte ja nichts falsch machen, sich selbst und dem Erscheinenden ja eine Chance geben, indem man auch noch den Text dazu las, der in seiner Aussagekraft meist sehr überschaubar war: Jens, 45, Schule des Lebens. Davon konnte man nun halten, was man mochte. Wirklich hilfreich waren die ergänzenden Worte meist nicht. Nur sehr wenige machten sich die Mühe und beschrieben ihre Person etwas näher mit Attributen zu Sportarten, die sie leidenschaftlich gerne ausübten und was sie von ihrem Gegenstück erwarteten. Nicht selten konnte man jedoch auch frustrierte Beisätze dabei lesen: „Wer matcht, schreibt.“ „Mädels, wenn Ihr nur auf der Suche nach Egobefriedigung seid, dann nach links wischen.“ „Mädels mit Duckface-Badezimmer-Fotos – no match.“ Die Liste dabei war unerschöpflich, die Kreativität der Wortwahl ebenfalls. An manchen Stellen zuckte ich förmlich zusammen, wenn ich die selektive Entschlossenheit den verbalen Ergüssen der männlichen Counterparts entnahm. Nicht selten deuteten diese in meinen Augen auf einen gewissen Frust und auch auf eine Portion Arroganz hin.

 

In manchen Momenten beobachtete ich mich von außen im Tun. In immer kürzerer Zeit konnte ich immer mehr Entscheidungen treffen. Quantität oder Qualität? Intuition oder Analyse? Als erfahrener Hase im Matching-Business konnte ich daher immer schneller den Fokus auf meine persönlichen Bedürfnisse legen. Bergfexe, Liebhaber schneller und teurer Autos, Yachtbesitzer, verschwitzte Mountainbiker und eingefrorene Skitourengeher hatten bei mir keine Chance. Ich bevorzugte die Gruppe der Hipster. Mützen- und Vollbartträger, Kunst- und Designfreaks, unkonventionell in der Erscheinung, Kreativität im Beruf. Kam dann noch ein exotisch anmutender Touch hinzu, war die Kombi mehr als perfekt.

 

Ich erfuhr, dass einem Tinder wahrlich nicht die große Liebe ins Haus bringen würde. Der schnelle Konsum war hier angesagt. Werte mussten leider draußen bleiben. Morgens matchen, nachmittags oder spätestens abends Sex. Das war die angesagte Maxime, orientierte man sich an den Wünschen der werten Herren. Quick and dirty. Am liebsten auf der Toilette des Konferenzcenters zwischen zwei Meetings oder gar den Vorteil des Home Office nutzend, im angegliederten Schlafbereich nach der Mittagspause. Ohne Spuren zu hinterlassen, den reinen Akt leistend. Was war nur aus mir und meinen anfänglichen blumigen Vorstellungen geworden? Ich war mutiert zur Frau für die schnelle Nummer. Aus der Not geboren. Lieber schnellen und unpersönlichen Sex als gar keinen Sex.

 

Geografisch galt es durchaus als großen Vorteil, wenn man in der Nähe des Flughafens wohnte. Die dort unfreiwillig zwischengeparkten Herren, deren Flug annulliert wurde, suchten das schnelle Vergnügen. Da ging immer was. Eine kurze Anreisezeit bescherte einem den garantierten Spaß. Mit jeder Begegnung wuchs die Erfahrung und eine gewisse Selbstsicherheit stellte sich ein. Ich nahm mir, was mich optisch anmachte und worauf ich Lust hatte. Ein kurzes Abklären der Vorlieben im Vorfeld machte die Sache einfacher und beschleunigte den Vorgang. Manchmal blieb ich dann noch bis zum Abflug, meist jedoch fuhr ich danach wieder nach Hause. Ein eher mechanischer Ansatz. Emotionslos. Zielorientiert. Ich hatte mich an die Wünsche meiner Gegenüber angepasst.

 

Aber auch außerhalb des Flughafens war die Intention meiner Matches ähnlich. Größtenteils liierte und verheiratete Männer, die fernab des ehelichen Schlafzimmers Spaß suchten. Die meisten von ihnen übten sich seit längerem in sexueller Abstinenz, standen kurz vor oder nach der Scheidung und wollten einfach eine angenehme Auszeit und ihre belastende Situation für einen Moment vergessen. Irgendwann kam ich zurück von einem Date und schloss innerlich die Tinder-Türe hinter mir. Ich wollte einfach mehr als nur Sex, sehnte mich nach Nähe, Geborgenheit und Verbindlichkeit. Ich hatte keine Lust mehr auf eine Endlosschleife bestehend aus Matchen, Chatten und Daten.

 

Wir hatten beide nach rechts gewischt. Er war mein letzter Match, bevor ich die App mit der weißen Flamme auf rotem Grund von meinem iPhone gelöscht habe. Vitus hatte als Alter 97 angegeben, er sah jedoch um einiges jünger aus. Dass er jedoch erst 27 war, stellte mich auf eine harte Probe, da er sich im Chat sehr um mich bemühte. Nachdem ich nach einiger Zeit meine biologischen Schranken im Kopf ablegen konnte – immerhin ist er 20 Jahre jünger als ich - haben wir uns gedatet. In einer Bar auf ein Glas Wein. Vitus bereichert mein Leben nun schon seit mehr als drei Monaten ...

 

Tinder hat mich toleranter und offener werden lassen, was zwischenmenschliche Beziehungen angeht. Mittlerweile bin ich überzeugt, alles ist gut so, wie es ist, solange es für die Beteiligten OK ist. Es gibt keine Grenzen für Sex, Zuneigung, Liebe, Vorlieben und Alter. Was zählt, ist das Gefühl beim Zusammensein.

Please reload

 RECENT POSTS: 

April 26, 2019

April 12, 2019

April 6, 2019

December 9, 2018

December 4, 2018

November 25, 2018

June 28, 2018

Please reload