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Unwürdig, geliebt zu werden?

March 4, 2018

 

 

Der Kopf war schwer, die Augenlider derart geschwollen, dass sie den Wimpernkranz wie ein Schlauchboot umrandeten. Offensichtlich hatten die paar Stunden Schlaf, die Lena nach unzähligem Hin- und Herdrehen dann endlich gefunden hatte, keine Linderung der äußeren und schon gar nicht der inneren Symptome gebracht. Die Zeichen der Ohnmacht und der Trauer waren nicht zu verbergen, Lena verkörperte pures Leiden. 

 

Immer und immer wieder hatte sie ihm dieselbe Frage gestellt, denselben Impuls gesetzt. Ergebnislos. Vermutlich hatte sie nicht deutlich genug formuliert. Ohne ersichtliche Syntax-Zeichen, die ein Erwidern in der optischen Übersprungshandlung signalisierten. Lena erhielt keine Antwort. Die dezent verpackten emotionalen Aufforderungen erreichten nicht die ersehnte Wirkung. Direkte Worte führten zu einem rhetorischen Ausweichen seinerseits. 

 

Lena wünschte sich eine unheilvolle Diagnose. Sie sollte die Verantwortung für ihr Leben übernehmen, es in jene Bahnen lenken, die es erforderte und die gleichzeitig unausweichlich waren. Zu lange hatte sie an ihm festgehalten. Sich etwas vorgemacht. Dabei war sie eine untrüglicher Realistin, die das Ursache-Wirkungs-Prinzip verfolgte. Es gab keine Erklärung für ihr dauerhaftes Festhalten an dem, was es gar nicht gab. 

 

„Mehr kommt da auch nicht.“ Diese fünf aneinandergereihten Wörter, die mehr als deutlich die Endlichkeit ankündigten. Es war ausgesprochen. Grausam in der Wirkung. Final im Bewusstsein. Ab heute ohne ihn an ihrer Seite. Emotionale Vergewaltigung, deren Tatbestand in der Einseitigkeit begründet war. 

 

Sie hatte das Gefühl, dass es gar nicht ihr Leben war, in dem sie sich befand. Zu weit entfernt war ihr Geist, sie fühlte sich als Hülle, als separiertes Individuum, dessen Wahrnehmung getrennt war von dem, was gerade passierte. Ein Dasein in einer Parallelwelt, die einem die subjektive Unvollkommenheit offenbarte, ohne je danach verlangt zu haben. Das Hier und Jetzt war definitiv zu abstrakt und gleichzeitig zu düster, als dass man sich freiwillig dafür entschieden hätte. Gedanklich und emotional schaffte sie den Link zurück in die Gegenwart einfach nicht. Ihre Bilder im Kopf steckten in den positiven Erinnerungen an ihn fest, verdrängten eine Auseinandersetzung mit dem, was sich gerade abspielte. Lena sah sein offenes Lachen, seine ihr so vertraute Körperhaltung, wenn sie sich gegenüber saßen, hörte seine Stimme, die sie jedes Mal in eine andere Welt beförderte. Ein Becken voller Sinne und Gefühle, in dem sie nach Belieben fischen konnte. Es war ausschließlich positiv. 

 

Raphael war sich dessen nicht bewusst, dass Lena mehr wegen ihm weinte, als wegen ihrer Diagnose. In manchen Momenten setzte sie darauf, dass sie ihre Krankheit von der emotionalen Qual erlöste. Einzig sie war imstande, sie von ihrem Seelenleid zu befreien. Körper vs. Geist. Pervers genug, sich durch ein physisches Dahinsiechen die emotionale Befreiung herbeizusehnen. 

 

Vollkommene Hifllosigkeit und Verzweiflung. In der Retrospektive konnte sie ihr Verhalten der letzten Monate zwar verstehen, aber nicht akzeptieren. Sie war Opfer ihres Herzens geworden. Dieser überaus intensive Austausch hatte zu einer extremen Abhängigkeit von ihm geführt. Alles, was in ihrem Leben passierte, kannte er, sie diskutierte es mit ihm. Raphael hatte für alles eine Lösung, motivierte Lena und zeigte ihr Möglichkeiten auf, die sie faszinierten. Diese Dinge passierten auf der rationalen Ebene. Emotional verkümmerte sie dabei, da ihr Verlangen nach körperlicher Nähe von ihm nicht erfüllt wurde. Wie sehr wünschte sie sich, dass er sie in den Arm nahm und sie seinen Körper spüren ließ. Der thematisch vielfältige Austausch mit ihm kam einem mentalen Orgasmus gleich, der dieses Verlangen nach seiner Haut ausmachte, diese unglaubliche Sympathie sollte sich in einer Symbiose ihrer Körper ausdrücken. 

 

Lena fragte sich, woher der Nachschub für die Tränen kam, die sie seit Monaten verbrauchte. Es kam einem anatomischen Wunder gleich, dass der Quell für diese Augenflüssigkeit nicht versiegte. Wird denn Trauer irgendwann schwächer?

 

 

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