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Vincent XV.

 

 

VINCENT XV.

 

Ich scrollte mit der Maus rauf und runter. Ohne Ziel, nur, um die nicht endend wollende, noch vom Tag verbleibende Zeit totzuschlagen. Öffnete Seite um Seite und klickte mich von Link zu Link. Prokrastination pur! Wie sollte mein Leben einen akzeptablen Fortgang finden? Momentan war ich nicht in der Lage, den Alltag zu bewältigen. Mein Kopf fühlte sich tonnenschwer an, einigermaßen klare Gedanken waren unmöglich. Sogar das konzentrierte Verfolgen eines Films war mir zu viel, ich konnte mir die Story von einer zur nächsten Minute kaum merken. Auf den Monitor starrend nahm ich von Weitem die Abfolge der Bilder und Sequenzen zur Kenntnis. Ich wusste, dass ich nur im Schlaf das ewig währende gedankliche Rauschen in meinem Kopf besiegen konnte.

 

Die Verherrlichung seiner Person war letztendlich in eine Sackgasse gemündet. Es ging nicht mehr vorwärts, der einzige Ausweg bestand im Rückzug. Gibt es in der Liebe überhaupt jemals Sicherheit? Meine Erfahrung liess mich diese Frage verneinen. Das Liebesleben war nicht sicher. Zu keiner Zeit. Das Gegenüber hatte in jeder Sekunde die Möglichkeit, sich neu zu entscheiden, einen anderen Weg einzuschlagen, der sich vom Anderen entfernte und ihm eine Symbiose verweigerte. Und dieses Ansinnen musste noch nicht mal zum Ausdruck gebracht und schon gar nicht begründet werden. Konkludentes Handeln, Wortlosigkeit. Ein stetes Entfernen, ein den-Anderen-auf-Distanz-halten, reichten dafür bereits aus. Dem Zurückgebliebenen, jenem, dem nie kommuniziert wurde, wieso er es nicht Wert war, gemocht oder gar geliebt zu werden, bleibt schließlich nur noch die auf grausame Weise zerstörende Interpretation. Dieses unaufhörliche Suchen nach Gründen, nach der Erklärung, wieso man für den Anderen so uninteressant und wertlos war.

 

Vincent hatte mich in einer emotionalen Wüste zurückgelassen. Er war für mich einfach unerreichbar und spielte in einer höheren Liga. Ein Aufstieg dorthin blieb mir leider verwehrt. Vermutlich empfand er meine Person als zu wenig Match mit seinen Attributen, wahrscheinlich war ich nicht attraktiv genug für ihn und erfüllte seine Anforderungen an jemanden, der es verdiente, Zuneigung von ihm zu bekommen, schlichtweg nicht. Diese Hässlichkeit der extrinsisch erzwungenen Deutung löste in mir diese unglaubliche Verzweiflung aus und machte aus mir eine wandelnde Hülle.

 

Seit Langem suchte ich vergeblich nach einer Lösung. Am Liebsten hätte ich einen Reset gemacht und die Welt um mich herum auf Null zurückgesetzt. Um mich abzulenken, versuchte ich einen Alltag in absoluter Disziplin, ein stures und stupides Abarbeiten in gewohnten Rhythmen.

 

Ich wünschte mir eine Müllhalde für meine Gefühle, eine Art Friedhof, der all das absorbierte und für ewig behielt, was mich schier zerstörte …

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