© 2019 by IDEA2TEXT

Sehnsucht und Parallelität

 

 

Sehnsucht und Parallelität

 

Sich sehnen, einer Sucht verfallen. Nach was sehnen sich Individuum und Gegenstand gleichermaßen? Nach seelischer Verletzung und räumlicher Begrenzung? Ist es wirklich das, wonach wir streben? Lächerlich im Ansatz. Nahezu megaloman in der Wirkung. Grausam und mental vernichtend. Die Gesamtheit der Gedanken dreht sich um diese eine Person, der ausschließliche Fokus liegt auf der Kreation des Objekts, vergleichbar mit einer nicht enden wollenden Obsession. Es geht um Zuneigung, um ein Signal, um das Angenommenwerden. Um das Gefallen, um die optische Akzeptanz beim Betrachter. Zu jeder Minute. Das allerkleinste Zeichen der Sympathie und Zuwendung wird als Erfolg verbucht. Weit gefehlt. Gefühlsverworrene Empfängnis, die einen nicht mehr rational denken und dabei viele andere Chancen versäumen lässt. Aber warum laufen wir dann einer Person und dem einen bestimmten Objekt quasi hinterher? Warum schaffen wir es nicht, uns von dem einen besagten Kunstwerk final zu lösen? Es ist zum Teil diese chemische Abhängigkeit, die uns Menschen zueinander führt. Oxytocin. Verantwortlich für den andauernden Bestand einer Bindung. Biochemische Basis für eine dauerhafte Zuneigung zwischen Partnern. Der verwegene Blick eines Mannes, das Lachen einer Frau, mentaler Orgasmus auf beiden Seiten. Diese Mischung aus unterschiedlichen Signalen. In der Kunst jedoch repräsentiert das Werk die Projektionsfläche für individuelle Bedürfnisse und fungiert in der Folge als Spiegel der Unverblümtheit.

 

Eine endlose Reproduktion der Erinnerung tut sich auf. Klarheit über den Mangel. Sehnsucht kann sowohl positiv als auch negativ sein. Ist das Gegenüber von einer sogenannten Sicherheit gekennzeichnet, dann ist das andauernde Verlangen nach Kontakt und Beschaunis geringer. Eine Unerreichbarkeit desselben kann sich ins Gegenteil umschlagen und einen emotional vertrocknen lassen. Ein Gegen-die-Wand-laufen. Diese Unerreichbarkeit provoziert eine gedankliche Folter.

Unerreichbarkeit macht angeblich attraktiv. Aber wofür brauchen wir diese Art der Attraktivität? Diesen alles zerstörenden und nicht selbst gewählten Overspill. Eine sehr gewagte Rechtfertigung. Ist es nicht so, dass die Verwegenheit des vermeintlichen Gegenübers in Person und Gegenstand gerade seine Präsenz ausmacht und daher auch seine Attraktivität und ungebrochene Anziehung? Und nach ständiger Wiederholung schreit? Die rationale Überlegenheit muss in diesem Fall zu jeder Zeit wahrlich erzwungen werden, um einen routinierten Tagesablauf durchstehen zu können. Eine Emotionsbefreiung ist hier doch der falsche Ansatz. Wieso dann eine Distanz aufbauen? Reiner Versuch der Beherrschung. Gefühle werden hier zur Gänze unterdrückt und hilflos versucht, auszuschalten. Ein sehr gewagter Ansatz, der höchst unzufrieden macht. Dabei wäre es doch das höchste Glücksgefühl, das Gegenüber zur Gemeinsamkeit einzuladen. Wieso sprechen wir es dann nicht aus und denken es bis zum Ende fertig? Ist es die Angst davor, abgewiesen zu werden? Uns zu blamieren und dabei unser Gesicht zu verlieren? Sind es tiefe Gefühle Wert, lächerlich gemacht zu werden? Das Gegenüber darf nicht automatisch zum Bestimmer über unsere Bedürfnisse werden. Hier ist ein Querdenken unabdingbar. In einer emanzipierten Werte-Gesellschaft haben wir verlernt, auszusprechen, was wir möchten. Wen wir möchten. Gefühlsmäßige Ausgedünntheit. Äusserungen werden bewertet, davor fürchten wir uns. Erwarten wir, dass uns eine emotionale Beherrschung ins Nirwana befördert?

 

Das Ausschalten der Routine kann das gewisse Etwas verkörpern, jedoch gleichzeitig auch die emotionale Beherrschung extrem auf die Probe stellen. Masochistisch genug muss man sein, um diese unfreiwillige Disconnection anzunehmen und durchzustehen. Sieg des Herzens über die Ratio. Ein Dasein im Hier und Jetzt ohne Angst und Bedenken vor der Reaktion.

 

Sehnsucht ist ein fürchterlicher Zustand, macht abhängig, mental und körperlich krank. Kreise im Kopf, die sich lediglich im Schlaf oder während kurzer Sequenzen im Tagesablauf ausschalten lassen. Weit entfernt von Spaß und Lebensqualität. Umfragen zufolge verspüren Menschen mit starker Sehnsucht kaum Hunger. Sie sind ausschließlich konzentriert auf die krampfhafte Bewältigung des Hier und Jetzt. Sie streben nach Erlösung. Womöglich empfinden Sender und Empfänger dasselbe und sagen es nur nicht? Emotionales Drama. Sinnlosigkeit. Zeit, die überbrückt werden muss. Bewusst gestoppte Leidenschaft. Lediglich im Kopf. Ohne Körper.

 

Eine große Gefahr der Sehnsucht ist die unreflektierte Verherrlichung des Gegenübers und exponierten Kunstwerks. Das Nicht-In-Frage-Stellen seines Verhaltens und seiner Wirkung. Person und Objekt als etwas Besonderes hinzunehmen, ohne dabei die Auswirkung des (ignoranten) Handelns zu analysieren. Man könnte es auch einen Hilferuf nennen. Das ist ein respektloses Verhalten vor uns selbst. Charmlos. Dabei verlangen wir doch letztendlich alle nach Aufmerksamkeit und vor allem Nähe.

 

Ein Umdenken ist hier dringend von Nöten. Wir müssen aufhören, uns zu formalisieren und auf eindeutige Signale zu warten. Sender und Empfänger leben in einer imaginären Projektion ihrer Gedanken. Sinn und Unsinn des Daseins. Von einer entblössten Seele kann hier nicht die Rede sein. Es ist nur sehr selten, dass eine telepathische Verknüpfung zum gewünschten Erfolg führt. Mann und Frau sind allzu unterschiedlich in ihrer Rezeption, als dass man von selbstverständlicher und vor allem wohlwollender Aufnahme der mutuellen Andeutungen ausgehen könnte. Direktheit ist angesagt. Diese gilt es, wieder zu entdecken und zu leben. Gerade wenn es sich um unser Innerstes handelt, dürfen wir nicht auf Ehrlichkeit und Offenheit verzichten. Niemals!

Please reload

 RECENT POSTS: 

April 26, 2019

April 12, 2019

April 6, 2019

December 9, 2018

December 4, 2018

November 25, 2018

June 28, 2018

Please reload