© 2019 by IDEA2TEXT

Kontakt-Cut oder Fokus-Tod ...

November 22, 2016

 

Kontakt-Cut oder Fokus-Tod ...

 

Du hast Lust auf Kontakt und keiner Deiner engen Freunde ist da! Lust auf persönlichen Austausch, auf Spaß, eine Runde Cocktails, ein gemeinsames Essen. Ihr habt doch sonst immer so viel Zeit miteinander verbracht. Am Telefon, im Chat und auch persönlich. Intensiv, ehrlich und offen. Das war für alle wichtig. Anfänglich ist Dir Deine Situation noch nicht bewusst, Du verbuchst die Nicht-Präsenz Deiner Freunde unter „viel beschäftigte People“, die Du nicht stören darfst, weil sie ja sehr wichtig in ihrem Tun sind. Das vermitteln sie Dir zumindest, wenn Du sie kontaktierst. Sie sind viel beruflich unterwegs, nehmen ihre Performer-Termine wahr und füllen den Rest der Zeit mit Aktivitäten, von denen Du noch nichts weisst. Und vermutlich auch nie wissen wirst. 

 

Mit viel Verständnis reagierst Du nun auf deren Absenz. Na ja, der ist gerade im Ausland, kann sich nicht melden. Der Andere ist total busy momentan, sein Projekt verlangt sein volles Engagement. Ach ja, und die Nächste, boah, immer sehr viel zu tun, sie ist eine richtige High-Perfomerin! Die kann sich ja nun wirklich nicht melden, hat gerade eine Firma gegründet und steckt voll drin. Tag und Nacht im Team-Chat, im Investoren-Gespräch oder im Akquiseprozess. Da geht leider nix Anderes. Und der Letzte im Quartett ist der Sportler, der jede freie Minute seiner Passion widmet und natürlich nur von Exercise und Practice spricht. Und von darauf abgestimmter Ernährung, Tag- und Nachtrhythmus und Vorbereitung auf Turniere. Also bitte, dafür musst Du doch nun wirklich Verständnis haben. Da ist kein Raum mehr für Dich - bei keinem der vier Genannten. Ihr Alltag verlangt deren uneingeschränkte Aufmerksamkeit. Aber nicht mehr für Dich…

 

Stimmt, da war doch kürzlich eine Veränderung im Messenger bzw. in der Whatsapp-Gruppe. Hatte Andi nicht die Lesebestätigung ausgeschaltet, um mehr Privatsphäre im Chat zu genießen? Leo meldete sich neuerdings meist mit großer zeitlicher Verzögerung - na ja, ist bestimmt den unterschiedlichen Zeitzonen geschuldet. Geht ja gar nicht anders bei ihm. Vinzent pflegte mittlerweile fixe Chat-Zeiten, um fokussiert auf Projekt & Co. zu bleiben. Kurzfristige Erreichbarkeit war nicht mehr gegeben, ein Telefonat stand außer Frage, tagsüber galt alles dem Projekt., abends wollte er runterkommen und schaltete die Kanäle ab. Theresa bat um Kontakt per Mail, das Geschreibe im Chat war nicht mehr ihrs…Man zog sich zurück, besann sich auf sich selbst.

 

OK, ja, alles kein Problem, du möchtest nicht aufdringlich sein und akzeptierst deren individuelle Anpassungen an Eure Beziehungen. Du hattest die Veränderung nur zur Kenntnis genommen, keinesfalls kommentiert oder gar etwas dazu bemerkt. Natürlich hattest du vollstes Verständnis für deren persönliche Situation und du wolltest auch keinesfalls uncool oder gar fordernd wirken. Du tatest so, als ob dir die veränderte Gegebenheit nichts ausmachte. Man stand sich ja sehr nahe und pflegte über einen langen Zeitraum eine vertrauensvolle Freundschaft. Die allen sehr wichtig war. Dir bis dahin offensichtlich am meisten. Das wusstest du nur noch nicht. 

 

Dein vorsichtiger Approach, Vinzent für seine Meinung zu deinem neuen beruflichen Vorhaben zu gewinnen, war gescheitert. Am Telefon hatte er den Kopf nicht frei für dein Anliegen, ein persönliches Treffen war momentan völlig ausgeschlossen, sein Projekt vereinnahmte ihn - neuerdings auch am Wochenende - zumindest gab er das vor. Wie schön war das früher, als man kurzfristig was ausmachen konnte und sich locker und gechillt auf einen Drink getroffen hatte. Diese Phase war offensichtlich nun passé. Keiner deiner Freunde teilte sich mehr großartig mit, persönliche Dinge wurden von deren Seite kaum mehr angesprochen, deine einst so geschätzte Meinung und Draufsicht auf deren Themen war nicht mehr gewünscht. Waren es deine Emotionen, die plötzlich nicht mehr gefragt waren? Die man immer so sehr gefordert hatte, eben weil sie anders waren! 

 

Wer waren diese so seltsam mutierten Bestimmer? Jene, die nur noch ihr Dasein im Fokus hatten und denen du weitestgehend egal warst. Warst du zu deren Verfügung, wenn sie deine Dienstleistung brauchen konnten oder mal kurz von ihrem Wahnsinns-Trip nach L.A. oder ihrem neu an Land gezogenen Projekt erzählen wollten, dann war alles OK. Moment Mal, dich gab es ja auch noch! Hatte denn jemand noch ernsthaftes Interesse daran, zu erfahren, wie es dir ging? Was du machtest? Ob du unter deren locker gelebter Abwesenheit angefangen hattest zu leiden? Dich emotional zu verkriechen, in der Angst, einen Korb zu bekommen? Daran hatte leider keiner deiner Freunde mehr Interesse. Du warst außerhalb der Aktionszone, in der ihr Leben nun stattfand. Sie hatten alle die Außenbahn verlassen, auf der ihr früher zusammen unterwegs wart und die Euch so verbunden hatte. Mit Euren Trips nach New York, London, Hongkong, Singapur, wo ihr so unendlich viel Spaß und das Gefühl des ewigen Lebens hattet. Party eben. Mit Freunden. Ohne Limit. Spontan. Heute traust du dich nicht mal mehr, nach einer gemeinsamen Aktion zu fragen, weil du Angst vor deren Ablehnung hast und dir minderwertig vorkommst. Um Aufmerksamkeit bitten zu müssen, ist ein elender Zustand. Hinterherzulaufen, ohne anzukommen…Und das Gefühl zu haben, dass einen eh keiner vermisst, wenn man sich nicht meldet. Dass man sozusagen ein Auslaufmodell ist, bevor man es verstanden hat. Das tut weh. 

 

Du hattest es gewagt, Vinzent zum Essen einzuladen. In ein Restaurant, in dem ihr schon öfter wart und wo ihr einen - so findest du zumindest - immer sehr amüsanten Abend verbracht hattet. Sein Nichtanworten auf deine Einladung zwang dich zu einer stillschweigenden Deutung und hat dich durchaus traurig gestimmt. Du warst gezwungen, über Mutmassungen und Unterstellungen zu einer Erklärung zu kommen. Von ihm bekamst Du sie leider nicht. Warum, weiß niemand. Hatte er Angst davor, Dir die Wahrheit zu sagen? Vor einigen Monaten noch wäre das der perfekte Abend geworden. Das wusstest du. Deine Frage an Andi, ob Ihr Silvester zusammen feiert, blieb ebenfalls ohne Reaktion. Aber auch hier war ein Nachfragen sinnlos, du hättest keine Antwort erhalten. Zwischendurch hattest du deinen ganzen Mut zusammengenommen und dich bei den Herrschaften nach deren Ansinnen für ihre Abstinenz erkundigt. Ohne Ergebnis. Einer ging sogar so weit, dass er behauptete, du solltest dir Gedanken machen, es habe schon alles seinen Grund im Leben. OK. Ball retourniert. Nimmst du ins Protokoll auf. 

 

Sind es die verschiedenen Phasen im Leben, die einen näher bringen und dann wieder auf Distanz gehen lassen? Die persönliche Situation hatte sich bei keinem geändert. Kein Familienzuwachs, kein Umzug, berufliche Veränderung, etc.. Ohne Erklärung der Beteiligten ist die Akzeptanz beim „Verlassenen“ nicht gegeben, er muss interpretieren, alleine nach dem Warum suchen und letztendlich in der vagen Annahme einen für ihn unangenehmen Entschluss treffen: Kontakt-Cut. Aufgrund Über-Fokussierung der Beteiligten…

 

Der Kontakt-Cut vollzieht sich schleichend. In der Liebesbeziehung genauso wie in der Freundschaft. Irgendwann kommt man sich vor wie das Negative, das man meidet, weil man sich nicht mehr damit beschäftigen mag. Aussortiert. Unbequem. 

Please reload

 RECENT POSTS: 

April 26, 2019

April 12, 2019

April 6, 2019

December 9, 2018

December 4, 2018

November 25, 2018

June 28, 2018

Please reload